Toleranz und Ignoranz in der deutschen Schreibwelt

Mein Name ist Bianca und ich bin Autorin, außer einigen Kurzgeschichten und Gedichten habe ich bis jetzt noch nichts veröffentlicht, weswegen der Großteil von euch meine Meinung schon jetzt nicht mehr ernst nehmen wird, aber das ist mir heute egal. Ich habe schon einmal in einem anderen Beitrag kurz angerissen, dass mir die Ignoranz und die Abwesenheit von Toleranz in der deutschen Schreibwelt ziemlich auf den Keks geht. Gerade erst musste ich wieder eine Diskussion führen, weil jemand meinte, es gäbe nur eine richtige Methode, um ein Buch zu schreiben und NEIN, VERDAMMT NOCHMAL, dem ist nicht so. Entschuldigt die Wortwahl, aber dieses Thema geht mir echt Nahe und macht mich extrem wütend. Es kann nicht sein, dass Neulinge oder Leute, die überlegen mit dem Schreiben anzufangen, auf solche Vorurteile stoßen:

– Man kann nur ein gutes Buch schreiben, wenn man ausführlich plottet.
– Man kann nur ein gutes Buch schreiben, wenn man das Ende kennt.
– Man kann nur ein gutes Buch schreiben, wenn man jedes einzelne Handwerk kennt.
– Man kann nur ein gutes Buch schreiben, wenn man es genauso macht wie eine bestimmte Methode es vorgibt.
– Wenn man nicht plottet, kann man das Geschriebene in die Tonne drücken.
– Wenn man nicht plottet, wird die Geschichte unregelmäßig und man verheddert sich.
– Wenn man zu schnell schreibt, macht man nur Rechtschreibfehler.
– Wenn man zu schnell schreibt, schreibt man nur Müll.
– Man darf sich nicht nur die Schritte einer Arbeitsweise raussuchen, die einem helfen und sie dann zu einer neuen Arbeitsweise zusammenbauen.
– Man kann nichts lernen, sondern muss alles von Anfang an können.

Und das sind nur ein paar der Vorurteile, die ich jeden Tag auf diversen Autorenseiten lese und von denen ich jedes Mal das Kotzen bekomme. Jeder Mensch geht anders ans Schreiben heran. Manche Leute brauchen ihren Plot. Eine Bekannte hat regelmäßig Plots mit über 30.000 Wörter. Ich könnte das nicht, aber wenn sie so arbeiten kann und es für sie so besser ist, warum sollte ich ihr diese Methode absprechen?
Ich kenne jemanden, der schreibt komplett ohne Plots, nie auch nur ein Funke Plot und die Geschichten sind gut, haben Konsistenz und brauchen genauso viel Bearbeitung wie jede andere Geschichte.
Ich selber habe für mich eine Mischung gefunden, ich plotte locker und lasse mich für den Rest leiten, wobei ich aber auch immer bereit bin, neue Methoden auszuprobieren und mir die Arbeitsschritte, die mir helfen, rausziehe und für kommende Projekte nutze.

Wir drei haben alle verschiedene Methoden, die für uns perfekt sind, mit denen wir klar kommen und mit denen wir am besten arbeiten können, keiner von uns dreien hat DIE beste Methode. Denn DIE beste Methode gibt es nicht. Jeder braucht einen anderen Anfangspunkt. Manche schreiben querbeet, manche nach Reihenfolge, jeder muss sehen wie er es angeht.
Man kann immer Tipps geben und sagen: „Hey, ich mach das aber so und so, vielleicht willst du das mal ausprobieren?“ oder „Hm, so kann ich nicht arbeiten.“ und beides ist nicht schlimm. Was aber immer wieder in Foren, Facebook-Gruppen etc. gepredigt wird, ist, dass es nur eine einzige Methode gibt wie man Schreiben kann. Gleichzeitig wird man sofort angegriffen, wenn man versucht, einen toleranteren Weg zu beschreiten und anderen die Augen zu öffnen und zu sagen: „Guck, jeder ist anders, jeder arbeitet anders, es gibt nicht die Erfolgsmethode.“

Ein Plot garantiert dir keinen Bestseller.
Kein Plot garantiert dir keinen Bestseller.
Ein Mischmasch aus Methoden garantiert dir keinen Bestseller.

Man bekommt keine Garantie mit einer Arbeitsweise mitgeliefert, die sagt: „Hey, wenn du mich ganz genau befolgst und dann zu Verlag XY schickst, bekommst du da einen Millionenvertrag.“
Ebenso wird oft davon ausgegangen, dass man Talent braucht um gut schreiben zu können und man es nicht auch lernen könnte. „Man kann nichts dazu lernen, wenn man nicht schon von Anfang ein bisschen Talent dafür hat“, lese ich immer wieder. Dazu empfehle ich jedem diesen Video-Vortrag: https://www.youtube.com/watch?v=o4qBSrLe19k Er hat vier Teile und legt schön dar, was eigentlich Talent und was erlernbar ist. Ich verweise auf den Vortrag, da ich hier keine Diskussion über „Talent oder nicht Talent?“ ausbrechen lassen will, sondern mein Fokus auf etwas anderem liegt. Trotzdem ist auch dieser Punkt sehr wichtig.

Genauso, dieses absolute Unverständnis Schnellschreibern gegenüber. Ich bin selbst davon betroffen, weil ich nun mal eine absolute Schnellschreiberin bin und dazu stehe ich auch. Mindestens einmal im Monat darf ich bezüglich dazu eine Diskussion führen. Die Fragen sind immer die gleichen:
Wie viel kannst du davon wegschmeißen? Und hast du auch ein paar richtig geschriebene Wörter mit drin? Tun deine Hände weh? Bist du verrückt? Darfst du es als Überarbeitung neuschreiben?

Dazu sei gesagt für alle, die mich nicht kennen: meine Rohfassungen schreibe ich immer sehr schnell herunter, meistens innerhalb eines Monats, manchmal auch nur ein paar Wochen. So arbeite ich einfach. Ich muss die Rohfassung rausbekommen, damit ich mich an die Feinarbeit in der Überarbeitung machen kann.
Dann jedes Mal wieder mit diesen Fragen angeklagt zu werden, ist immer wieder wie ein Schlag ins Gesicht. Ich schreibe zwischen 55-65 Wörter die Minute, ihr könnt euch selbst ausrechnen, wie sich das auf längere Zeit summiert. Dadurch schaffe ich große Zahlen in kurzer Zeit und mache trotzdem kaum Rechtschreibfehler. Was nicht daran liegt, dass ich super klug oder super toll bin, sondern einfach daran, dass ich schneller schreibe als andere Leute, aber genauso sicher und bedacht. Nur weil man schnell schreibt, schreibt man nicht gleich Müll. Ich kenne noch andere Schnellschreiber, denen es genauso geht, natürlich gibt es dann aber auch die Schnellschreiber, die sich nicht um die Rechtschreibfehler kümmern und nur schnell alles runterschreiben wollen, aber selbst deren Methode ist legitim, wenn sie damit arbeiten können. Ich persönlich könnte es aber nicht. Und genau das ist es was oft vergessen wird: nur weil man selbst etwas nicht kann, heißt es nicht, dass jemand anderes es ebenfalls nicht kann. Immer wieder dann auch die Frage: „Bist du verrückt?“ und „Tun dir die Hände weh?“. Nur weil ich schnell schreibe und meine Rohfassungen gerne schnell über die Bühne bringe, heißt es nicht ich bin verrückt. Ich habe den Luxus und kann mich den ganzen Tag um meine Projekte kümmern und nutze diese Zeit auch, oft genauso lange wie ein normaler Arbeitstag. Warum wird es bei anderen Hobbies wie Fußball, Reiten oder sogar Musik geduldet, aber beim Schreiben nicht? Was macht das Schreiben als Hobby unwürdiger als Fußball, dass man als verrückt erklärt wird, wenn man seine freie Zeit darein steckt?
Es wird auch immer davon ausgegangen, dass man sich dann sofort verausgabt. Fragt man einen Fußballer nach jedem Training: „Hey, tun dir die Beine weh?“ Nein tut man nicht, weil man weiß es gehört zu seinem Training und wenn er besser werden will, muss er trainieren und spielen. Doch genauso ist es beim Schreiben auch. Nur weil ich jeden Tag schreibe und manchmal sehr viel am Tag, heißt es nicht, dass ich deswegen meine Gesundheit oder meine Finger aufs Spiel setze.

Woran liegt es also, dass gerade in der deutschen Schreibszene so eine hohe Ignoranz herrscht? Wenn ich in englischen Foren (z.B. das NaNo-Forum) unterwegs bin oder mir englische Podcasts (z.B. Writing Excuses) anhöre, gibt es dort solch einen Toleranzmangel nicht. Es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss und jeder anders arbeitet. Warum sind die Deutschen aber so versessen auf Regeln? Mittlerweile habe ich ein paar Schreibratgeber, unter anderem von deutschen Autoren, gelesen, und immer noch der einzige, der ebenfalls predigt, dass es kein Erfolgsrezept gibt, sind die von Hans Peter Roentgen. Jeder andere Schreibratgeber von einem deutschen Autor, den ich gelesen habe, tut so, als wäre die Methode, die er beschreibt, die einzig richtige Methode. Natürlich gibt es auch immer wieder Leute, die ebenfalls versuchen, in der deutschen Schreibszene Toleranz zu streuen, aber leider ist die Mehrheit immer noch davon überzeugt, dass es DAS Erfolgsrezept gibt und die anderen werden ignoriert oder verlacht.

Was mich daran am meisten stört? Es stört mich nicht mal so sehr, dass ich oft wegen meiner Schnellschreiberei oder meiner Toleranz angegriffen werde, was mich daran am meisten stört, ist, dass es Leute gibt, die diese Vorurteile von oben lesen und deswegen mit dem Schreiben aufhören. Anfänger, die noch nie geplant haben und total stolz sind, weil sie ihre erste Geschichte fertig haben, werden damit vor den Kopf gestoßen. Jugendliche werden sowieso nicht ernst genommen, wenn sie schreiben. Mit diesem Regeldenken und dem Predigen von „der richtigen Methode“, macht man so viel kaputt. Jugendliche oder auch Erwachsene, die gerade erst anfangen zu schreiben, sollten sich nicht verpflichtet fühlen, alles nach bestimmten Regeln machen zu müssen. Sie sollten das Schreiben zur Entfaltung nutzen können. Sich darin wohlfühlen. Und dann kann man ihnen Methoden vorstellen und ihnen Vorschläge machen, besonders auch wenn sie danach fragen, aber sie sollten eben nur dies bleiben: Vorschläge und nicht aufgezwungene Regeln, die jemanden zum Verzweifeln bringen, weil er mit der Methode vielleicht überhaupt nicht klar kommt.

(Ich sage mit diesem Eintrag nicht, dass es absolut keine Regeln gibt, die befolgt werden sollten, sondern nur, dass man immer differenzieren sollte zwischen sich selbst und anderen, dass man offener und toleranter gegenüber anderen Arbeitsweisen werden sollte.)

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5 Antworten

  1. Hey, Bianca! 🙂
    Du sprichst mir mit diesem Post aus der Seele. Das Schlimmste, was man einem Schreibenden antun kann, ist ihn in seinem Schreiben einzugrenzen. Wie soll es etwas Neues geben, wenn immer alles nach denselben Regeln abläuft, die nicht einmal unbedingt gut sind, zumindest nicht für jeden? Jeder Mensch ist anders gestrickt und jeder sollte einzigartig schreiben dürfen, was aber nur funktioniert, wenn er für sich selbst herausfindet, was das Schreiben für ihn bedeutet. Was für ihn persönlich am besten ist. Und dafür muss man die Regeln brechen, die einen daran hindern, das Bestmögliche zu schreiben.
    Als ich angefangen habe zu schreiben (und auch jetzt noch ab und zu), habe ich den Fehler gemacht und wollte unbedingt irgendwelche Richtlinien haben, die mir beim Schreiben helfen sollten. Einiges hat mir sehr geholfen, aber erst, nachdem ich gelernt habe, dass ich mir das herauspicken muss, was für mich gut ist. Davor habe ich mich teilweise nur gequält mit dem Schreiben, sodass es gar keinen Spaß mehr gemacht hat. Und genau das ist der Fehler, denke ich. Dass man solange irgendwelchen Regeln folgt, die einem selbst nicht gefallen, bis man keine Lust mehr hat, überhaupt zu schreiben. Jeder hat irgendeinen Grund mit dem Schreiben zu beginnen. Und wenn man dann eine Leidenschaft dafür entwickelt, die das Schreiben zu etwas Besonderem macht, sollte diese gestärkt werden, statt damit zunichte gemacht, dass man Vorschriften macht. Tipps und Vorschläge sind nur solange gut, selbst wenn sie gut gemeint sind, bis sie einschränkend wirken.
    Ich persönlich bin froh, dass ich relativ früh Schreibtipps gelesen habe, die denselben Standpunkt wie du vertreten haben, nämlich, dass man für sich selbst entscheiden muss, welche Tipps man annimmt und umsetzt. Ich finde, man sollte so viel wie möglich ausprobieren, gerade am Anfang seiner „Schreibkarriere“ (egal, ob man nur hobbymäßig schreibt oder professioneller Autor werden will), damit man sich selbst und seine Stärken kennenlernen kann. Aber gleichzeitig muss man eben auch lernen, das Gute vom Schlechten zu trennen.
    Und um nochmal aufzugreifen, dass es vor allem unter den deutschen „Ratgebern“ oder „Regelmachern“ diese Intoleranz gegenüber der Vielfalt des Schreibens gibt: Ich denke, dass das stark mit dem (klischehaften) akkuraten Ordnungszwang der Deutschen zusammenhängt. Alles muss sauber sein, alles muss nach einem bestimmten Muster ablaufen und ohne Regeln funktioniert die Welt nicht mehr … Es mag einfach in den deutschen Köpfen so festgelegt sein, dass auch das Schreiben irgendwelchen Regeln unterworfen sein muss. Dagegen muss man sich zu wehren wissen und ich wünsche allen neuen Schreibern, dass sie gleich am Anfang ihrer Suche nach Tipps und Tricks rund ums Schreiben auf Posts wie deinen stoßen werden, um sich nicht selbst die Lust zu verderben.
    Denn der wichtigste Tipp, den man geben kann, ist: Folge nur den Regeln, die für dich am besten sind. Und wenn nicht, dann ignoriere sie, breche sie oder forme sie so um, dass sie passen.
    Das ist ein Tipp, der immer passt, wie ich finde. Und wenn nicht, dann kann man ihn ignorieren oder sonstwas damit machen 😉

    Liebe Grüße, Mira 🙂

    1. Danke Mira, für deinen Kommentar 🙂 Es freut mich zu lesen, dass es Leute gibt die meiner Meinung sind und eben genau das verstehen was ich sagen wollte. Jeder sollte sich gerade in so etwas wie dem Kreativem wie dem Schreiben, einfach entfalten können und nicht dauernd auf diese oder jene Regel hingewiesen werden, weil es einfach nicht für jeden gleich ist.

      „Folge nur den Regeln, die für dich am besten sind.“ – Dem kann ich wirklich nur zustimmen, gerade wenn es um so Fragen wie „Plot oder nicht Plot?“, „schnell oder langsam?“ etc. zum Schreiben geht. Da muss man einfach sehen, wie man am besten arbeitet und wenn man seinen Weg gefunden hat, ist dies der beste Weg für einen selber und den sollte man sich nicht durch irgendwelche „Regeln“ kaputt machen lassen.

      Liebe Grüße
      Bianca

  2. Hat dies auf Unser Schreibblock rebloggt und kommentierte:
    Ein sehr schöner Beitrag von Bianca!

  3. *applaus* Genau meine Meinung. Lerne die Regeln, wende die an, die dir sinnvoll erscheinen, und brich die anderen. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen und herausfinden, welche Methode oder Mischung von Techniken am besten funktioniert. Wenn das Ergebnis ein gutes Buch ist, ist es doch völlig egal, wie es zu einem wurde.
    Leid tun mir die Schreibanfänger und Neulinge, die sich oft ungerechtfertigt entmutigen lassen, weil ihre Arbeitsweise nicht die in Schreibratgeber XY empfohlene ist.

    Oh, und ein Hoch auf „Writing Excuses“ 😉

  4. Habe gerade eben auf deiner Seite rumgestöbert und bin über diesen Beitrag gestolpert. Finde ich gut, dass du das doch sehr wichtige Thema ansprichst. Deshalb habe ich mich auch immer von Schreibratgebern fern gehalten, weil jeder seinen Weg findet – der Einzige den ich wirklich gelesen habe ist das Leben und das Schreiben von Stephen King, wobei das Buch ja mehr Biografie ist, dennoch wertvolle Tipps beinhaltet aber nicht die Haudrauf Methode verwendet, wie viele deutsche Autoren mit Ratgebern es tun. Ja, der liebe Klaptext 😉 . Man sagt einem Fotografen ja auch nicht, wie er zu fotografieren hat – ausser er führt Fotos auf Auftrag aus, aber selbst da verleiht der Fotograf immer noch seine eigene Note den Bildern.

    Ein Hoch auf Eigeninitiative, die man sich nicht durch irgendwelche Dummschwätzer vergraulen lassen soll.

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